Anton Pelinka / Ruth Wodak (Hg.)
„Dreck am Stecken“. Politik der Ausgrenzung
von Andreas Pucher
Jedes Jahr aufs Neue bedient sich Dr. Jörg Haider in seinen berühmt berüchtigten Aschermittwochsreden einfachstem Populismus. Er beschenkt die politische Konkurrenz mit oftmals nachweisbaren berechtigten, meist auch mit an den Haaren herbeigezogenen Schmähungen, und setzt letztendlich wieder einmal an zum Rundumschlag gegen die EU und die anderen „die sich’s richten.“
Meist verpufften diese Wortspenden in Bedeutungslosigkeit, angeprangerte Missstände blieben Missstände und falsche Anschuldigen aus Lächerlichkeit offen im Raum stehen.
Anders im Jahr 2001, in Anspielung auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, hatte der F-Chef vor begeistertem Publikum in Ried gemeint, er könne sich nicht erklären, wie einer der Ariel heiße, so viel Dreck am Stecken haben könne.
Die Kritiker schäumten, Haider habe diesmal weit übers ohnehin zweifelhafte Ziel hinausgeschossen, sich offen des Antisemitismus bedient, und sei nun endgültig in den Bereich des Untragbaren vorgestoßen. Prompt folgte natürlich das in Politikkreisen zum täglichen Brot zählende Dementi, und klare Zurückweisung der Vorwürfe seitens Haiders.
Anton Pelinka und Ruth Wodak haben Haiders Vergangenheit genauestens unter die Lupe genommen und verschiedene Analysen über dessen Sprachgebrauch angestellt.
Der wissenschaftliche Vorwurf lautet: Haider setzt bewusst antisemitisches Sprachwerk ein!
Unter dem Titel "Dreck am Stecken" wurde das Ergebnis nun im Czernin-Verlag vorgestellt.
Anders als die meisten verbalen Attacken Haiders blieb dieser Sager nicht außergerichtliches „Gaudium“, sondern wurde am 27. Februar des Jahres 2002 mit einer für Haider wohl sehr schmerzlichen Ehrenerklärung für Muzicant juridisch abgeschlossen.
Anton Pelinka behandelt in seinem politikwissenschaftlichen Gutachten die Rede Haiders und beleuchtet sie unter den Vorwürfen des Antisemitismus. Ihm zufolge habe sich Haider des Antisemitismus bedient und dies nachweislich, denn er habe eine zentrale These der Antisemitismusforschung bestätigt.
Haider habe in seinen Äußerungen einen Juden "benutzt", um sich auf dessen Kosten zu profilieren, politisch von dessen Abwertung zu profitieren, sich zu stilisieren und darüber die eigene Identität zu stärken.
Antisemitismus sagt laut einer wissenschaftlichen Studie, auf die Pelinka in seinem Gutachten verweist nichts über Juden, sondern nur über den Wahn der Antisemiten etwas aus. Sie erfinden sich im Notfall "ihre" Juden. Haiders Rede, so Pelinka, "muss als Prototyp antisemitischen Verhaltens in der Zeit nach dem Holocaust gesehen werden".
Martin Reisigl und Ruth Wodak beleuchten die linguistische Seite der Haider’schen Sager und bedienen sich dabei u.a. einer genauen Verschriftlichung der Aschermittwochsrede des Jahres 2001 seitens des ORF (Unterstrichenes besonders betont):
„Der Herr Ariel ((0.5 sec)) Muzicant. ((1 sec)) I versteh überhaupt net wie ((1 sec, Haider macht eine Mundbewegung, als würde er etwas sagen, es ist aber nichts hörbar)) wonn ana Ariel haßt, so viel Dreck am Stecken haben kann ((starker Applaus und lachen setzen ein)) des versteh i überhaupt net, oba ((Haider blickt nach unten auf das Mauskript)) i man ((2 sec lang tosender Applaus und lachen)) des is a ondre Soche. ((7 sec lang anhaltender Applaus, währenddessen Haider mit der rechten Hand zum Bierkrug greift, der vor ihm auf dem Podium steht, und einen Schluck Bier trinkt; während des Trinkens blickt er leicht nach rechts oben; Haiders Miene ist ernst))“ (S.134,135)
Im Rahmen des diskurshistorischen Ansatzes der kritischen Diskursanalyse wird unter anderem die Sprechsituation, der örtliche Bezug analysiert. Die Entscheidung, vor knapp 2200 parteifreundlichen Zuhörern in der Rieder Jahnturnhalle (benannt nach dem „Turnvater Jahn“) diese Veranstaltung abzuhalten ist laut den beiden Autoren ein Indiz für einen antisemitischen Code, vor allem in sprachlicher Anknüpfung an die „ nationalen, fremdenfeindlichen antisemitischen Gesinnung des Turnvaters.
Die genaue Aussprache des Namen Muzicant wird, wie die Autoren ausführen, von Haider durch die Einführung eines Verschlusslautes „[t]“ gefolgt vom stimmlosen Reibelaut „[s]“ gezielt und abwertend ins lächerlich machende gezogen. In Kombination mit dem klaren Hinweis auf die religiöse Zugehörigkeit, bzw. die Organisation mit der Muzicant in Verbindung steht, ist dies ein Spiel mit Stereotypen und Vorurteilen, die antijüdische Assoziationen erwecken soll.
In weiterer Folge werden u.a. von Richard Mitten und Nina Egger parallelen der Haiderschen Aussagen mit NS-Argumentationen betrachtet und Frank Stern wirft den Blick über die Grenze nach Deutschland, um die dortige Beurteilung antijüdischer Äußerungen zu hinterfragen. Als Anhang findet sich Haiders komplette Aschermittwochrede, sowie eine Abschrift der Ehrenerklärung für Ariel Muzicant.
Auf den ersten Blick liest sich die gesammelte Argumentation gegenüber Haiders Aussagen sehr gut, schlüssig und mit etlichen hochwissenschaftlichen Analysen gespickt.
Bei genauerer Betrachtung, eingehender Studie der im Buch mit abgedruckten Rede im Wortlaut, kommt jedoch der Eindruck des „künstlich konstruierten“ und teilweise sehr einseitig argumentierten empor.
Meines Erachtens hätte eine parallele Betrachtung der Aussagen Haiders über andere Prominente aus dem Tagesgeschehen viele der angeführten Argumente stark geschwächt:
Ob jetzt SPÖ-Chef „Gruselbauer“, „Westentaschen Napoleon“ Chirac, der „politische Rübezahl“ EU-Kommissar Fischer, Edmund „der bayrische Mundl“ Stoiber, der Schreiberling „Pelikan“, Vizekanzlerin und Kanzler„Susi und Strolchi“ ins Kritikfeld geraten, die Schmähung des Namens von Seiten Haiders mag keine niveauvolle Kritik sein, jedoch im Wahlkampf probates Mittel der Stimmungsmache, insbesondre nachdem Populismus, Persönlichkeitswahlkampf, kurz gesagt Parteimarketing seit geraumer Zeit parteiübergreifend in die Politik Einzug gehalten haben.
Hier gezielt Ariel Muzicant herauszugreifen, der in einer knapp 700 Zeilen starken Rede in 10 Sätzen kurz und nebenbei angeführt wird, halte ich für zu hoch gegriffen. Die kritisierte gezielte Schmähung seines Namens verschwindet im Sumpf der vielen Namen-Wortspiele.
Die Kritik, Haider würde hier jüdische Persönlichkeiten herausgreifen, die nichts mit dem unmittelbaren Wahlkampf zu tun haben, halte ich insofern für falsch, da der zitierte Greenberg als Wahlkampfberater seitens der SPÖ-Wien sehr wohl im politischen Geschehen aktiv war, und sich auch Ariel Muzicant zu vielen politischen Themen zu Wort meldet.
Die Haider Gegnerschaft wird sich durch die Lektüre des Buches oberflächlich gestärkt und wissenschaftlich belegt fühlen, Sympathisanten naturgemäß die Stereotypen gegen den Landeshauptmann von Kärnten kritisieren. Wer wirklich treffende Argumentationen und Analysen erwartet hat (die bei den vielen Haidersagern doch möglich sein müssten), wird enttäuscht feststellen dass grundlegendes in sprachlichen Grauzonen verschwindet, die die Autoren nur notdürftig auszuleuchten vermögen.
Alles in allem aber eine sehr flüssig lesbare, wenngleich hin und wieder zu wissenschaftliche Zerpflückung eines innerpolitischen Dauerbrenners, die Fragen aufwirft, Diskussionen schürt, aber keine echte Aufarbeitung bietet.
„Dreck am Stecken“. Politik der Ausgrenzung
von Andreas Pucher
Jedes Jahr aufs Neue bedient sich Dr. Jörg Haider in seinen berühmt berüchtigten Aschermittwochsreden einfachstem Populismus. Er beschenkt die politische Konkurrenz mit oftmals nachweisbaren berechtigten, meist auch mit an den Haaren herbeigezogenen Schmähungen, und setzt letztendlich wieder einmal an zum Rundumschlag gegen die EU und die anderen „die sich’s richten.“
Meist verpufften diese Wortspenden in Bedeutungslosigkeit, angeprangerte Missstände blieben Missstände und falsche Anschuldigen aus Lächerlichkeit offen im Raum stehen.
Anders im Jahr 2001, in Anspielung auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, hatte der F-Chef vor begeistertem Publikum in Ried gemeint, er könne sich nicht erklären, wie einer der Ariel heiße, so viel Dreck am Stecken haben könne.
Die Kritiker schäumten, Haider habe diesmal weit übers ohnehin zweifelhafte Ziel hinausgeschossen, sich offen des Antisemitismus bedient, und sei nun endgültig in den Bereich des Untragbaren vorgestoßen. Prompt folgte natürlich das in Politikkreisen zum täglichen Brot zählende Dementi, und klare Zurückweisung der Vorwürfe seitens Haiders.
Anton Pelinka und Ruth Wodak haben Haiders Vergangenheit genauestens unter die Lupe genommen und verschiedene Analysen über dessen Sprachgebrauch angestellt.
Der wissenschaftliche Vorwurf lautet: Haider setzt bewusst antisemitisches Sprachwerk ein!
Unter dem Titel "Dreck am Stecken" wurde das Ergebnis nun im Czernin-Verlag vorgestellt.
Anders als die meisten verbalen Attacken Haiders blieb dieser Sager nicht außergerichtliches „Gaudium“, sondern wurde am 27. Februar des Jahres 2002 mit einer für Haider wohl sehr schmerzlichen Ehrenerklärung für Muzicant juridisch abgeschlossen.
Anton Pelinka behandelt in seinem politikwissenschaftlichen Gutachten die Rede Haiders und beleuchtet sie unter den Vorwürfen des Antisemitismus. Ihm zufolge habe sich Haider des Antisemitismus bedient und dies nachweislich, denn er habe eine zentrale These der Antisemitismusforschung bestätigt.
Haider habe in seinen Äußerungen einen Juden "benutzt", um sich auf dessen Kosten zu profilieren, politisch von dessen Abwertung zu profitieren, sich zu stilisieren und darüber die eigene Identität zu stärken.
Antisemitismus sagt laut einer wissenschaftlichen Studie, auf die Pelinka in seinem Gutachten verweist nichts über Juden, sondern nur über den Wahn der Antisemiten etwas aus. Sie erfinden sich im Notfall "ihre" Juden. Haiders Rede, so Pelinka, "muss als Prototyp antisemitischen Verhaltens in der Zeit nach dem Holocaust gesehen werden".
Martin Reisigl und Ruth Wodak beleuchten die linguistische Seite der Haider’schen Sager und bedienen sich dabei u.a. einer genauen Verschriftlichung der Aschermittwochsrede des Jahres 2001 seitens des ORF (Unterstrichenes besonders betont):
„Der Herr Ariel ((0.5 sec)) Muzicant. ((1 sec)) I versteh überhaupt net wie ((1 sec, Haider macht eine Mundbewegung, als würde er etwas sagen, es ist aber nichts hörbar)) wonn ana Ariel haßt, so viel Dreck am Stecken haben kann ((starker Applaus und lachen setzen ein)) des versteh i überhaupt net, oba ((Haider blickt nach unten auf das Mauskript)) i man ((2 sec lang tosender Applaus und lachen)) des is a ondre Soche. ((7 sec lang anhaltender Applaus, währenddessen Haider mit der rechten Hand zum Bierkrug greift, der vor ihm auf dem Podium steht, und einen Schluck Bier trinkt; während des Trinkens blickt er leicht nach rechts oben; Haiders Miene ist ernst))“ (S.134,135)
Im Rahmen des diskurshistorischen Ansatzes der kritischen Diskursanalyse wird unter anderem die Sprechsituation, der örtliche Bezug analysiert. Die Entscheidung, vor knapp 2200 parteifreundlichen Zuhörern in der Rieder Jahnturnhalle (benannt nach dem „Turnvater Jahn“) diese Veranstaltung abzuhalten ist laut den beiden Autoren ein Indiz für einen antisemitischen Code, vor allem in sprachlicher Anknüpfung an die „ nationalen, fremdenfeindlichen antisemitischen Gesinnung des Turnvaters.
Die genaue Aussprache des Namen Muzicant wird, wie die Autoren ausführen, von Haider durch die Einführung eines Verschlusslautes „[t]“ gefolgt vom stimmlosen Reibelaut „[s]“ gezielt und abwertend ins lächerlich machende gezogen. In Kombination mit dem klaren Hinweis auf die religiöse Zugehörigkeit, bzw. die Organisation mit der Muzicant in Verbindung steht, ist dies ein Spiel mit Stereotypen und Vorurteilen, die antijüdische Assoziationen erwecken soll.
In weiterer Folge werden u.a. von Richard Mitten und Nina Egger parallelen der Haiderschen Aussagen mit NS-Argumentationen betrachtet und Frank Stern wirft den Blick über die Grenze nach Deutschland, um die dortige Beurteilung antijüdischer Äußerungen zu hinterfragen. Als Anhang findet sich Haiders komplette Aschermittwochrede, sowie eine Abschrift der Ehrenerklärung für Ariel Muzicant.
Auf den ersten Blick liest sich die gesammelte Argumentation gegenüber Haiders Aussagen sehr gut, schlüssig und mit etlichen hochwissenschaftlichen Analysen gespickt.
Bei genauerer Betrachtung, eingehender Studie der im Buch mit abgedruckten Rede im Wortlaut, kommt jedoch der Eindruck des „künstlich konstruierten“ und teilweise sehr einseitig argumentierten empor.
Meines Erachtens hätte eine parallele Betrachtung der Aussagen Haiders über andere Prominente aus dem Tagesgeschehen viele der angeführten Argumente stark geschwächt:
Ob jetzt SPÖ-Chef „Gruselbauer“, „Westentaschen Napoleon“ Chirac, der „politische Rübezahl“ EU-Kommissar Fischer, Edmund „der bayrische Mundl“ Stoiber, der Schreiberling „Pelikan“, Vizekanzlerin und Kanzler„Susi und Strolchi“ ins Kritikfeld geraten, die Schmähung des Namens von Seiten Haiders mag keine niveauvolle Kritik sein, jedoch im Wahlkampf probates Mittel der Stimmungsmache, insbesondre nachdem Populismus, Persönlichkeitswahlkampf, kurz gesagt Parteimarketing seit geraumer Zeit parteiübergreifend in die Politik Einzug gehalten haben.
Hier gezielt Ariel Muzicant herauszugreifen, der in einer knapp 700 Zeilen starken Rede in 10 Sätzen kurz und nebenbei angeführt wird, halte ich für zu hoch gegriffen. Die kritisierte gezielte Schmähung seines Namens verschwindet im Sumpf der vielen Namen-Wortspiele.
Die Kritik, Haider würde hier jüdische Persönlichkeiten herausgreifen, die nichts mit dem unmittelbaren Wahlkampf zu tun haben, halte ich insofern für falsch, da der zitierte Greenberg als Wahlkampfberater seitens der SPÖ-Wien sehr wohl im politischen Geschehen aktiv war, und sich auch Ariel Muzicant zu vielen politischen Themen zu Wort meldet.
Die Haider Gegnerschaft wird sich durch die Lektüre des Buches oberflächlich gestärkt und wissenschaftlich belegt fühlen, Sympathisanten naturgemäß die Stereotypen gegen den Landeshauptmann von Kärnten kritisieren. Wer wirklich treffende Argumentationen und Analysen erwartet hat (die bei den vielen Haidersagern doch möglich sein müssten), wird enttäuscht feststellen dass grundlegendes in sprachlichen Grauzonen verschwindet, die die Autoren nur notdürftig auszuleuchten vermögen.
Alles in allem aber eine sehr flüssig lesbare, wenngleich hin und wieder zu wissenschaftliche Zerpflückung eines innerpolitischen Dauerbrenners, die Fragen aufwirft, Diskussionen schürt, aber keine echte Aufarbeitung bietet.
bagarozy10 - am Donnerstag, 24. Juni 2004, 00:56