Lazarsfeld, Jahoda, Zeisel
Die Arbeitslosen von Marienthal
von Wladimir Uljew
In der folgenden Arbeit geht es um eine Kurzrezension des Buches „ Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch“ von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel. Ich werde auch versuchen die Ziele dieser Studie raus zu finden und werde mich auch mit den Forschungsfragen, den Methoden und dem Methodensetting auseinander setzen. Als allererstes werde ich versuchen dem Leser einen Überblick über den Inhalt dieses Buches zu verschaffen.
In dem Buch die Arbeitslosen vom Marienthal geht es, wie uns der Titel schon verrät, um das Dorf Marienthal und seine Bewohner. Marienthal ist ein kleines Dorf in der Nähe von Wien. Im Jahre 1830 baute ein gewisser Todesko dort eine Textilfabrik und war sozusagen der Gründer von Marienthal. In den 1860er Jahren wurden dann die Weberei und die Bleiche angegliedert und die Fabrik wurde zu einem Großbetrieb. Doch in den Jahren 1925 und 1926 mehrten sich die Anzeichen einer ernsten Krise. Man versuchte die Krise durch Umstellung auf neue Produkte abzuwenden aber 1929 folgte endgültig der Absturz. Ein Betrieb nach dem anderen wird geschlossen bis schließlich die Weberei als letztes im Jahr 1930 geschlossen wird.
Eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern will die aus dieser Katastrophe entstandene Folge, nämlich die totale Arbeitslosigkeit, zum ersten Mal untersuchen.
Die Mitarbeiter der Studie über das arbeitslose Dorf Marienthal hielten sich für ihre Untersuchungen insgesamt 120 Tage in diesem Dorf auf. Zu dem Zeitpunkt als die Wissenschaftler in Marienthal auftauchten waren schon 77% der 478 Familien abhängig von der Arbeitslosenunterstützung. Zu der damaligen Zeit war diese Unterstützung durchschnittlich nur ein Viertel des Gehalten und wurde maximal 30 Wochen ausbezahlt. Hinzu kam dass bei Bekanntwerden einer Gelegenheitsarbeit diese Unterstützung sofort ersatzlos gestrichen wurde.
Um die weiteren Auswirkungen zu untersuchen wurden das Budget der Familien und die jeweiligen Essgewohnheiten unter die Lupe genommen.
Es wurden bei 41 Familien sogenannte „Essensverzeichnisse“ erstellt die deutlich zeigten dass sehr viel gespart wurde. Essen vom Vortag wurde verwendet, Fleisch gab es nur mehr selten und es wurden sogar zum Teil Mahlzeiten einfach ausgelassen. Es ging sogar soweit, dass mit dem Eintreten der Arbeitslosigkeit viele Hunde und Katzen verschwanden was die Not der Leute noch deutlicher machte.
Weiters wurde die politischen Aktivitäten des Dorfes, die kulturellen Interessen der Bewohner und die sozialen Verhältnisse beleuchtet. Es stellte sich heraus dass trotz mehr Freizeit die Ansprüche der Marienthaler schrumpften und somit sich ein Rückzug aus der Gemeinschaft einpendelte.
Die Marienthal Studie versuchte auch die Haltung der Menschen zu beschreiben. Die Wissenschaftler statteten 100 Familien Hausbesuche ab und machten sich ein Bild von den Lebensumständen der Betroffenen indem sie durch Beobachtungen und Gespräche Material sammelten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass 69% dieser Arbeitslosenfamilien resigniert hatte. Zwar erschienen der Haushalt und die Kinder der Resignierten einigermaßen gepflegt, doch es wurden keine Pläne über die Zukunft gemacht und alle anderen Bedürfnisse waren auf Null reduziert.
Auch die Zeit spielt in eine wichtige Rolle in dieser Untersuchung. Die Arbeitslosen waren aus ihrem gewohnten Lebensrhythmus gerissen und Zeit wurde unbedeutend. Man ließ die Erwerbslosen auch „Zeitverwendungsbögen“ ausfüllen um sich einen Einblick in ihren Tagesablauf zu verschaffen. Die Auswertung dieser Bögen zeigte eine sehr große sinnlose Zeitverschwendung. Auch für kleine Aufgaben wurde viel mehr Zeit verschwendet als notwendig da jegliche Zeitstruktur der Menschen verloren gegangen ist.
Nachdem wir uns mit dem Inhalt dieses soziographischen Versuchs auseinandergesetzt haben werde ich einige Fragen, die ich erarbeitet habe, beantworten:
- Was waren die Ziele dieser Studie?
Diese Frage lässt sich am besten aus dem Vorwort zur ersten Auflage von Marie Jahoda und Hans Zeisel beantworten. Die beiden erwähnen „dass das Ziel der vorliegenden Untersuchung war, mit den Mitteln moderner Erhebungsmethoden ein Bild von der psychologischen Situation eines arbeitslosen Ortes zu geben. Es waren uns von Anfang an zwei Aufgaben wichtig. Die inhaltliche: zum Problem der Arbeitslosigkeit Material beizutragen – und die methodische: zu versuchen, einen sozialpsychologischen Tatbestand umfassend, objektiv darzustellen“ (Jahoda, Zeisel, 1933, S. 9)
- Wie lauteten die Forschungsfragen?
Die Fragestellung wurde natürlich nicht auf das ganze Problem der Arbeitslosigkeit. Vor allem ist der Untersuchungsgegenstand das arbeitslose Dorf und nicht der einzelne Arbeitslose.
- Welche Methoden kamen in der Studie zur Anwendung?
Es wurden sowohl qualitative als auch quantitative Methoden in der Marienthal Studie verwendet jedoch dominierte die qualitative Methode d.h. die Studie ist induktiv. Paul Lazarsfeld (1933, S.24) erklärt „dass was ihnen vorschwebte, war eine Methode der Darstellung, die die Verwendung exakten Zahlenmaterials mit dem Sicheinleben in die Situation verband. Dazu war folgendes notwendig: wir hatten so engen Kontakt mit der Bevölkerung Marienthals zu gewinnen, dass wir kleinste Einzelheiten ihres Lebens erfahren konnten; und zugleich mussten wir jeden Tag so erfassen, dass er objektiv- formulierbar wurde; schließlich war das Ganze in einen Zusammenhang zu bringen, so dass alle Details sich als Ausdruck einer möglichst kleinen Zahl von Haupttatsachen übersehen ließen.“ Die Mitarbeiter der Studie sollten auf keinen Fall die Rolle eines Reporters oder Beobachters sein sondern sollten sich nützlich in das Gesamtleben einfügen (vgl. Lazarsfeld 1933, S. 28).
- Warum wurde gerade dieses Methodensetting gewählt?
Das Wissenschaftsteam hat versucht die Lücke zwischen den nackten Zahlen der offiziellen Statistik und den allen Zufällen ausgesetzten Eindrücken der sozialen Reportage zu füllen (vgl. Lazarsfeld 1933, S. 24). Unter anderem weist Lazarsfeld (1960, S. 14) darauf hin „dass wir uns nicht begnügen konnten, Verhaltens- Einheiten einfach zu zählen; unser Ehrgeiz war es, komplexe Erlebnisweisen empirisch zu verfassen.“
Ich hoffe, dass diese Kurzrezension einen befriedigenden Einblick in die Arbeit der drei Wissenschaftler gewährt und dass das Interesse auf diese Lektüre geweckt worden ist.
Literaturverzeichnis:
1.) Lazarsfeld, Paul F.: Vorspruch zur neuen Auflage. N.Y. 1960 In: Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1975
2.) Lazarsfeld, Paul F.: Einleitung. Leipzig 1933 In: Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1975
3.) Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F.; Zeisel, Hans, Die Arbeitslosen vom Marienthal. Ein soziographischer Versuch, 1975 (Leipzig 1933)
Die Arbeitslosen von Marienthal
von Wladimir Uljew
In der folgenden Arbeit geht es um eine Kurzrezension des Buches „ Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch“ von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel. Ich werde auch versuchen die Ziele dieser Studie raus zu finden und werde mich auch mit den Forschungsfragen, den Methoden und dem Methodensetting auseinander setzen. Als allererstes werde ich versuchen dem Leser einen Überblick über den Inhalt dieses Buches zu verschaffen.
In dem Buch die Arbeitslosen vom Marienthal geht es, wie uns der Titel schon verrät, um das Dorf Marienthal und seine Bewohner. Marienthal ist ein kleines Dorf in der Nähe von Wien. Im Jahre 1830 baute ein gewisser Todesko dort eine Textilfabrik und war sozusagen der Gründer von Marienthal. In den 1860er Jahren wurden dann die Weberei und die Bleiche angegliedert und die Fabrik wurde zu einem Großbetrieb. Doch in den Jahren 1925 und 1926 mehrten sich die Anzeichen einer ernsten Krise. Man versuchte die Krise durch Umstellung auf neue Produkte abzuwenden aber 1929 folgte endgültig der Absturz. Ein Betrieb nach dem anderen wird geschlossen bis schließlich die Weberei als letztes im Jahr 1930 geschlossen wird.
Eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern will die aus dieser Katastrophe entstandene Folge, nämlich die totale Arbeitslosigkeit, zum ersten Mal untersuchen.
Die Mitarbeiter der Studie über das arbeitslose Dorf Marienthal hielten sich für ihre Untersuchungen insgesamt 120 Tage in diesem Dorf auf. Zu dem Zeitpunkt als die Wissenschaftler in Marienthal auftauchten waren schon 77% der 478 Familien abhängig von der Arbeitslosenunterstützung. Zu der damaligen Zeit war diese Unterstützung durchschnittlich nur ein Viertel des Gehalten und wurde maximal 30 Wochen ausbezahlt. Hinzu kam dass bei Bekanntwerden einer Gelegenheitsarbeit diese Unterstützung sofort ersatzlos gestrichen wurde.
Um die weiteren Auswirkungen zu untersuchen wurden das Budget der Familien und die jeweiligen Essgewohnheiten unter die Lupe genommen.
Es wurden bei 41 Familien sogenannte „Essensverzeichnisse“ erstellt die deutlich zeigten dass sehr viel gespart wurde. Essen vom Vortag wurde verwendet, Fleisch gab es nur mehr selten und es wurden sogar zum Teil Mahlzeiten einfach ausgelassen. Es ging sogar soweit, dass mit dem Eintreten der Arbeitslosigkeit viele Hunde und Katzen verschwanden was die Not der Leute noch deutlicher machte.
Weiters wurde die politischen Aktivitäten des Dorfes, die kulturellen Interessen der Bewohner und die sozialen Verhältnisse beleuchtet. Es stellte sich heraus dass trotz mehr Freizeit die Ansprüche der Marienthaler schrumpften und somit sich ein Rückzug aus der Gemeinschaft einpendelte.
Die Marienthal Studie versuchte auch die Haltung der Menschen zu beschreiben. Die Wissenschaftler statteten 100 Familien Hausbesuche ab und machten sich ein Bild von den Lebensumständen der Betroffenen indem sie durch Beobachtungen und Gespräche Material sammelten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass 69% dieser Arbeitslosenfamilien resigniert hatte. Zwar erschienen der Haushalt und die Kinder der Resignierten einigermaßen gepflegt, doch es wurden keine Pläne über die Zukunft gemacht und alle anderen Bedürfnisse waren auf Null reduziert.
Auch die Zeit spielt in eine wichtige Rolle in dieser Untersuchung. Die Arbeitslosen waren aus ihrem gewohnten Lebensrhythmus gerissen und Zeit wurde unbedeutend. Man ließ die Erwerbslosen auch „Zeitverwendungsbögen“ ausfüllen um sich einen Einblick in ihren Tagesablauf zu verschaffen. Die Auswertung dieser Bögen zeigte eine sehr große sinnlose Zeitverschwendung. Auch für kleine Aufgaben wurde viel mehr Zeit verschwendet als notwendig da jegliche Zeitstruktur der Menschen verloren gegangen ist.
Nachdem wir uns mit dem Inhalt dieses soziographischen Versuchs auseinandergesetzt haben werde ich einige Fragen, die ich erarbeitet habe, beantworten:
- Was waren die Ziele dieser Studie?
Diese Frage lässt sich am besten aus dem Vorwort zur ersten Auflage von Marie Jahoda und Hans Zeisel beantworten. Die beiden erwähnen „dass das Ziel der vorliegenden Untersuchung war, mit den Mitteln moderner Erhebungsmethoden ein Bild von der psychologischen Situation eines arbeitslosen Ortes zu geben. Es waren uns von Anfang an zwei Aufgaben wichtig. Die inhaltliche: zum Problem der Arbeitslosigkeit Material beizutragen – und die methodische: zu versuchen, einen sozialpsychologischen Tatbestand umfassend, objektiv darzustellen“ (Jahoda, Zeisel, 1933, S. 9)
- Wie lauteten die Forschungsfragen?
Die Fragestellung wurde natürlich nicht auf das ganze Problem der Arbeitslosigkeit. Vor allem ist der Untersuchungsgegenstand das arbeitslose Dorf und nicht der einzelne Arbeitslose.
- Welche Methoden kamen in der Studie zur Anwendung?
Es wurden sowohl qualitative als auch quantitative Methoden in der Marienthal Studie verwendet jedoch dominierte die qualitative Methode d.h. die Studie ist induktiv. Paul Lazarsfeld (1933, S.24) erklärt „dass was ihnen vorschwebte, war eine Methode der Darstellung, die die Verwendung exakten Zahlenmaterials mit dem Sicheinleben in die Situation verband. Dazu war folgendes notwendig: wir hatten so engen Kontakt mit der Bevölkerung Marienthals zu gewinnen, dass wir kleinste Einzelheiten ihres Lebens erfahren konnten; und zugleich mussten wir jeden Tag so erfassen, dass er objektiv- formulierbar wurde; schließlich war das Ganze in einen Zusammenhang zu bringen, so dass alle Details sich als Ausdruck einer möglichst kleinen Zahl von Haupttatsachen übersehen ließen.“ Die Mitarbeiter der Studie sollten auf keinen Fall die Rolle eines Reporters oder Beobachters sein sondern sollten sich nützlich in das Gesamtleben einfügen (vgl. Lazarsfeld 1933, S. 28).
- Warum wurde gerade dieses Methodensetting gewählt?
Das Wissenschaftsteam hat versucht die Lücke zwischen den nackten Zahlen der offiziellen Statistik und den allen Zufällen ausgesetzten Eindrücken der sozialen Reportage zu füllen (vgl. Lazarsfeld 1933, S. 24). Unter anderem weist Lazarsfeld (1960, S. 14) darauf hin „dass wir uns nicht begnügen konnten, Verhaltens- Einheiten einfach zu zählen; unser Ehrgeiz war es, komplexe Erlebnisweisen empirisch zu verfassen.“
Ich hoffe, dass diese Kurzrezension einen befriedigenden Einblick in die Arbeit der drei Wissenschaftler gewährt und dass das Interesse auf diese Lektüre geweckt worden ist.
Literaturverzeichnis:
1.) Lazarsfeld, Paul F.: Vorspruch zur neuen Auflage. N.Y. 1960 In: Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1975
2.) Lazarsfeld, Paul F.: Einleitung. Leipzig 1933 In: Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1975
3.) Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F.; Zeisel, Hans, Die Arbeitslosen vom Marienthal. Ein soziographischer Versuch, 1975 (Leipzig 1933)
bagarozy10 - am Donnerstag, 24. Juni 2004, 00:41