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Michael Moore
„Querschüsse – downsize this“


von Stephan Pötscher

Michael Moore wurde am 23. April 1954 in Flint, Michigan, USA geboren. Nach der Schule wandte er sich durch eine Schauspielausbildung dem Theater und Film zu.

Vorübergehend engagierte sich Moore auch im Journalismus und Verlagswesen, indem er sich als Herausgeber der Zeitung Flint Voice versuchte.

Moore profilierte sich mit seinen ersten Werken vor allem im Dokumentarfilmbereich. 1989 zählte sein Dokumentarfilm Roger and me, an dem er als Produzent, Regisseur und Schauspieler mitwirkte, zu den 10 besten Filmen der US-amerikanischen Junior list.

Es folgten weitere Dokumentarfilme in den 1990er Jahren, für die Moore als Regisseur auftrat. Für die durch ihn geschaffene und mit gestaltete Serie TV Nation erhielt Moore 1995 den Emmy Award. Neben seinem filmischen Schaffen profiliert sich Moore auch immer wieder als Buchautor. 1996 veröffentlichte er Downsize This, im deutschsprachigen Raum bekannt unter dem Namen Querschüsse.

2002 nahm der Dokumentarfilmer die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA durch seinen Film Bowling for Columbine kritisch aufs Korn. Insbesondere prangerte er darin die absurde Waffengesetzgebung in den Staaten an, die seiner Meinung nach für die Exzesse an Gewalt auf den Straßen und im Alltag verantwortlich sei.

Als interessierter und kritischer Beobachter der amerikanischen Politik macht Moore inzwischen aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Regierung von George W. Bush keinen Hehl mehr. Im Dezember 2002 erschien unter dem Buchtitel Stupid White Man seine persönliche Abrechnung mit dem amerikanischen Präsidenten, die für lange Zeit den ersten Platz der dortigen Bestsellerliste belegte und zahlreiche Übersetzungen fand.

Anlässlich der Oscar-Verleihung vom Frühjahr 2003 wurde Moore im März mit der begehrten Trophäe für Bowling for Columbine ausgezeichnet. In gewohnter Manier nutzte der kritische Dokumentarfilmer die öffentliche Aufmerksamkeit, um in einer Aufsehen erregenden Rede Präsident George W. Bush wegen des zeitgleichen amerikanisch-britischen Kriegs gegen das irakische Regime von Saddam Hussein scharf anzugreifen.

Querschüsse, der erste Streich sozusagen, versucht kritisch, dem Titel entsprechend, kreuz und quer gegen den american way of life zu schießen. Die Mitte der Zielscheibe bilden der Kongress sowie namentlich aufgelistete Konzerne, die durch ihre „Gesundschrumpfungen“, so Moore, maßgeblichen Anteil an der Verelendung der US amerikanischen Vorstädte, ganz besonders aber seines Heimatstädtchens Flint / Michigan haben. Bereits im ersten Kapitel gelingt es Moore mit etwas Zahlenjonglieren die Wurzeln des amerikanischen Übels zu lokalisieren bzw. ihren Ursprung aufzuzeigen. Abgezeichnet hat sich der politische Unmut der Bevölkerung bereits im Jahr 1994. Bei den damaligen Wahlen, so schreibt er, blieben über 60 % aller Wahlberechtigten Zuhause. 60 % aller Stimmberechtigten resignieren! Kann sich das einer vorstellen?

Bei Seite 25 angelangt bestätigt sich die politische Brisanz des Buches, das bis dahin absolut keine Leserwünsche offen lässt.

Hier leistet sich Moore allerdings einen, meinen Meinung nach, unnötigen Tiefschlag. Denn keines Wegs in Schwarze treffen seine Querschüsse bei dem Vergleich des republikanischen Senators Pat Buchkanon mit dem wohl größten Kriegsverbrecher aller Zeiten, Adolf Hitler. Zwar beschränkt sich Mister Moore auf einen rein rhetorischen Vergleich und spricht lediglich von Senator Buchkanon´s Vorläufer auf der politischen Bühne in Deutschland vor 60 Jahren. Wer kann also gemeint sein? Bei allem Verständnis Mr. Moore, hier wäre ein Hauch von political correctness angebracht.

Sehr amüsant, teilweise schon mit infantiler Naivität beschreibt er sein Modell künftige US Präsidenten zu küren. Hier nennt der Autor unter anderen Monstertruck Rennen, einen Zauberwettkampf und einen Radiowettbewerb. All das soll den Pöbel bei Laune halten und ihn wieder zurück in die Wahlkabinen zerren.

Nachdem Moore nun sämtliche Lachmuskeln bis auf das äußerste strapazierte, kommt im vierten Kapitel etwas für die Denker, ein allseits beliebter Multible Choice Test. Anspruchsvoll, jedoch amüsant!

Dass Mr. Moore bewusst auf politische Korrektheit verzichtet, wissen mittlerweile nicht nur treue Michael Moore Gefolgen. Seine provokante Haltung gegenüber einem Land, dass, wie Moore behauptet, für seine Schulden immer noch nicht bezahlt hat, kann ich bei größter Sympathie nicht gut heißen. Es ist eben seine Art mit Missständen aufzuräumen, radikal, schonungslos und unmissverständlich. Allerdings würde einem Buch, welches in den meisten öffentlichen Bücherein unter „Politik“ seinen Platz gefunden hat, eine Portion mehr Feingefühl vertragen. Ja, unter dem Holocaust sind 6 Millionen Juden ermordet worden, es wurden eine Vielzahl katholischer Polen hingerichtet, auch die rund 500.000 ermordeten Zigeuner sowie unzählige Homosexuelle und Behinderte fanden einen grausamen Tod. Dass es dafür niemals genug Reue und Reparationen geben kann ist kein Thema und dass viele Nachkommen der Opfer noch immer keine Genugtuung für den schrecklichen Genozid bekommen haben ist traurig.

Nur, geschätzter Mr. Moore sollten Sie bedenken, dass ein Grossteil der deutschen Staatsbürger, die Sie offensichtlich gerne um Gnade winseln sehen würden, noch nicht einmal geboren waren, als diese Gräueltaten passierten. Ein so heikles Thema fordert eben politisches Feingefühl, nicht um diese Sache zu verschönern, aber um die Vergangenheit korrekt aufzuarbeiten. Verdeutlichen will ich an dieser Stelle meine Einwände mit einem Zitat aus dem zehnten Kapitel: „Die Weltkarte ist durch den Zweiten Weltkrieg für immer verunstaltet, und gleichgültig, ob es in Bosnien knallt oder im Nahen Osten oder ob Skinheads die Bürger von Idaho terrorisieren, all diese Konflikte haben ihre Wurzeln in den Taten der Deutschen“.

Demnach ginge jede bewaffnete Auseinandersetzung zurück auf den ohne Zweifel schlimmsten Massenmord, den es je gab, den Zweiten Weltkrieg. Würde sich diese These verifizieren, müsste es all die Jahrhunderte zuvor richtig gemütlich gewesen sein. Allerdings müsste genau in dem Augenblick jeden, der zumindest einmal vom Ersten Weltkrieg, der jedoch nicht als gutes Beispiel dienen kann, da dieser ebenfalls von den Deutschen bzw. Österreichern begonnen wurde, aber zumindest von einer Französischen Revolution gehört hat, so einiges dämmern. Davon abgesehen, dass bei der Palästina Frage zwar ethnische Aspekte eine Schlüsselrolle spielen, die Wurzeln dieses Konfliktes jedoch viele Jahrhunderte zurück liegen. Auch die Frage ob es die Taten der Deutschen waren, die religiös – politisch motivierte Geistliche im Nahen Osten dazu beflügeln Glaubenskriege zu initiieren, kann ich kaum positiv bewerten.

Ein absoluter Highlite zeichnet sich hingegen in Kapitel 15 ab. Hier veröffentlicht der Autor eine Hitliste der acht kriminellsten Konzernchefs. Besonders amüsant und aufwühlend zugleich wird die Geschichte um Philip H. Knight, dem Gründer des NIKE Konzerns geschildert. Sicher wissen viele um die teils menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, die in den primären Produktionsstädten herrschen, trotzdem werden jährlich 90.000.000 Schuhe verkauft. Was eventuell nicht alle wissen ist, dass Michael Jordan, ehemaliger US Basketballstar, als Werbeträger 20.000.000 Dollar pro Jahr verdient. Das Erstaunliche an der gigantischen Summe ist, das sie höher ist, als die gesamten Lohnkosten der Nike Fabriken, die Schuhe herstellen.

Den letzten skeptischen Leser fängt Moore schließlich zum Schluss des Buches, genauer in Kapitel dreißig, das er „Extrapunkte für Schwulenhatz“ nennt. Voller Zynismus schlägt der Autor diesmal in Richtung Topeka, Kansas. Genau im Fadenkreuz liegt die Topeka West High School, die ihren Schülern Bonuspunkte zum Erwerb von guten Noten für gemeinnützige Dienste in der Öffentlichkeit verleiht. Eigentlich ein ganz netter Versuch meinen Sie. Bullshit, meint Michael Moore und er erklärt Ihnen auch wieso. Zu den christlichen Diensten voll Nächstenliebe zählt unter anderen auch das diskriminierende Vorgehen gegen Homosexuelle. Diese und noch viele weitere Missstände der amerikanischen Gesellschaft werden in diesem Buch schonungslos angeprangert.

Ein untragbarer Zustand macht sich in den amerikanischen Chefetagen breit und die Inkubationszeit dieses Virus ist sorgenerregend kurz, will uns Michael Moore mit seinem ersten Buch wissen lassen. Ein absolutes Muss also für jeden amerikanischen Patrioten, der seinem Land wieder auf die Beine helfen will und auch für jene, die als Außenstehende ein kritisches Auge auf die Supermacht USA geworfen haben und sich denken: Die USA haben für ihre Sünden noch immer nicht bezahlt.
 

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