icon



 
Neil Postman
Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie


Postmans äußerst erfolgreiches wenn auch umstrittenes Werk über die düstere Zukunft unserer Intelligenz sowie unsere Fähigkeit zur kritischen Urteilsbildung in einer Zeit, in der uns das Fernsehen unbegrenzten Spaß suggeriert.

von Monika Klopf


Neil Postman, geboren 1931, ist Professor für Media Ecology an der New York University. Er schrieb schon mehrere Bücher, die eine Welle der Empörung und jahrelange Diskussionen nach sich zogen, so zum Beispiel "Das Technopol. Die Macht der Technologien und die Entmündigung der Gesellschaft", aber dennoch oder gerade deshalb zu Bestsellern wurden.

In diesem, im Juni 2003 bereits in der 15. Auflage vorliegenden Werk, beschäftigt sich Postman mit der Thematik der Unterhaltungsindustrie, wie der Untertitel bereits besagt, und das auf eine äußerst kritische wenn nicht gar apokalyptische Art und Weise. Man muss dazu sagen, dass dieses Werk ja im Jahre 1985 veröffentlicht wurde, und dass Postman eventuell nun, fast zwanzig Jahre später, noch mehr Grund zur Beunruhigung finden würde- was trotzdem natürlich nicht heißt, dass man seine Ansichten teilen muss.

Welche Ansichten stellt er aber nun in den Mittelpunkt seiner Arbeit?

Bereits in der Einleitung, bereits auf der aller ersten Seite seines Buches, benennt Postman zwei wohlbekannte Autoren, die sich einem ähnlichen Thema wie er bereits viel früher widmeten, und deren Namen sich durch sein gesamtes Werk ziehen sollen: Orwell und Huxley. Orwell, dessen bekannteste Werke wohl "1984" und "Die Farm der Tiere" darstellen, und Huxley, der sich durch "Schöne neue Welt" in das Bewusstsein der Öffentlichkeit drängt.

Um es mit den Worten des Autors zu sagen " Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, dass es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Information vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Information so sehr überhäufen, dass wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell befürchtete, dass die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley befürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte. (...) Kurz, Orwell befürchtete, das, was uns verhasst sei, werde uns zugrunde richten. Huxley befürchtete, das, was wir lieben werde uns zugrunde richten."

Postmans Position gibt eindeutig diejenige Huxleys wieder, was er im Laufe seiner Abhandlung herauszukristallisieren versucht. Zunächst zeichnet Postman die Anfänge der Medien nach, die mittels Buchstaben überlieferten Information, das "Zeitalter des Buchdrucks" in dem Menschen nicht nur fähig und willens waren, sich Information aus Büchern anzueignen, auch in der Lage waren, ebenso Information aus ellenlangen Reden und Diskussionen zu ziehen, die sich zum Beispiel im Vorfeld von Wahlen abspielten, und sich, so Postman, durch einen fast literarischen Satzbau auszeichneten, das heißt, sehr komplex formuliert und dennoch mündlich vorgetragen wurden.

Er plädiert für die unterschiedlichen Annahmen von Intelligenz, die zu vorschriftlichen Zeiten darin bestanden haben mochten, sich Geschichten und Wissensinhalte zu merken, Rechtsstreitigkeiten durch bloßes Rezitieren von Sprichwörtern zu schlichten oder Ähnliches, die zur Zeit der Schriftlichkeit darin bestand, sich die Fähigkeit, derartige (Schrift-)Zeichen zu entschlüsseln anzueignen. In der nunmehrigen bildhaften Welt würde man eigentlich keine besondere Fähigkeit brauchen: Fernsehen ist keine Tätigkeit, für die man irgendeine Art von Vorkenntnissen bräuchte.

Im Folgenden beginnt Postman seine Argumentation gegen das Fernsehen, die dadurch geprägt ist, dass er wirklich kaum ein gutes Haar daran lässt. Die einzige Funktion des Fernsehens, die Postman ihm zugesteht, ist die Funktion als Unterhaltungsmedium. Allerdings bestünde die eigentliche Gefahr nun darin, dass eben nicht nur belanglose Unterhaltung wie Spiele oder Ähnliches gezeigt würden, sondern dass das Fernsehen eben auch den Anspruch stellt, ein Informationsmedium zu sein, und eben diesen Unterschied zwischen seriöser Information und Unterhaltung minimiert, weil der durchschnittliche Fernsehrezipient Unterhaltung erwartet, wenn er den Fernsehen einschaltet: Deshalb würde jede auch noch so ernsthafte Diskussion zumindest mit einem prominenten Filmstar "angereichert" oder ähnliches.

Darüber hinaus kritisiert Postman die Attitüde der Fernsehindustrie, nie auf Vorinformation aufzubauen, sondern jede Meldung in sich rund zu gestalten, damit jeder eben erst dazugekommene Zuschauer weiß worum es geht, und bloß nicht zuviel in Hintergründe zu investieren.

Ein weiterer Kritikpunkt, so Postman, sei die "und jetzt..." –Unart, womit er die Sitte meint, dass die Konzeption einer Fernsehberichterstattung nach jedem noch so schlimmen oder wichtigen Thema mit einem schlichten "und jetzt" zum Wetter übergeht, und so bei den Zuschauern die Illusion erweckt, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen, es sei alles halb so wild, schon gar kein Grund selbst gegen oder für irgendetwas aktiv zu werden.

Damit schließt sich der Kreis wieder zu Huxley, und Postman postuliert, dass die Fernsehgesellschaft irgendwelche Missstände zu bekritteln nicht willens sei, so lange diese auch nicht im Fernsehen spannend erzählt würden, dass das Publikum Skandale schlicht für nicht existent halten würden, solange die selben nicht für sie aufbereitet würden. Und selbst dann müssten sie überlegen, ob darüber nachzusinnen es wert sei, das nächste "und jetzt" Thema zu überhören. (Womit man wieder bei der Apokalypse angelangt wäre...)

Alles in allem formt Postman natürlich ein stark überzeichnetes Bild von der Situation, das aber dafür eben in der Lage war und ist, so viele Menschen vom Kauf oder der Lektüre dieses Buches zu überzeugen. In einem gewissen Sinne macht er sich ja damit selbst die Verkaufsmasche "Unterhaltung" zu Nutze, ein Buch, das das selbe Thema nur mit trockenen Fakten aufarbeiten würde, wäre mit Sicherheit kein derartiger Verkaufsschlager geworden. Und dass diese "Tricks" besser sind, nur weil in schriftlicher Form angewandt, als wenn sie in Form von Bildern auf uns niederprasseln würden, ist wohl nicht ganz fair zu behaupten.

Allerdings hat er mit seinen Beobachtungen recht, was einem als normale/r Fernsehrezipient/in nach der Lektüre dieses Buches erst so richtig auffällt. Auf einmal wird einem bewusst, dass es ja wirklich komisch anmutet, von der Meldung über die neuesten Terroranschläge oder Morde oder Dealer mir nichts, dir nichts auf ein derartig konträres Thema wie Kultur, Sport, oder das Wetter umzuschwenken. Aber wie gesagt, man ist schon derartig auf solche Muster programmiert, dass man es gar nicht anders erwartet, und wahrscheinlich irgendwie enttäuscht wäre wenn es denn anders käme- so nach dem Motto: Will ich das so genau wissen? Bitte um das nächste Thema!

Auch die Tatsache, dass man bei eigentlich horrorfilmwürdigen Szenen aus den Weltnachrichten seelenruhig sein Abendessen zu sich nimmt, unterstützt ja eigentlich Postmans These, dass man alles gar nicht so ernst nimmt, sondern eher Unterhaltung rezipiert, um deren Inhalt man sich nicht allzu viel Gedanken machen muss.

Allerdings glaube ich, wenn ich auch nicht für Amerika sprechen kann, wie es Postman tut, dass zumindest hierzulande ein Großteil der Bevölkerung nicht nur mit der angeschnittenen, hintergrundslosen 45- Sekunden Information zufrieden ist, sondern selbst weitere Details erfahren will und sich diese zum Beispiel aus Tageszeitungen, vor allem die jüngere Generation auch aus dem Internet holt.


Resümee:
Postmans "Wir amüsieren uns zu Tode" ist meiner Ansicht nach vor allem als Denkanstoß empfehlenswert, als Anregung, sich wieder einmal Gedanken über die eigenen Rezeptionsgewohnheiten zu machen- zu hinterfragen, ob man selbst zu dem bereitwilligen, vertrauensseeligen und unkritischen Publikum zählt, oder ob man ruhigen Gewissens von sich selbst sagen kann, man gehört zu dem anderen Teil, der auch durch die Rezeption mehrerer unterschiedlicher Medien seinen Horizont erweitert, und sich so nicht allzu leicht zu Tode amüsiert (soll heißen, nicht jedes Thema nur zum eigenen Amüsement missbraucht).

Als Lektüre für jedermann kann man dieses Werk nur begrenzt empfehlen, es ist zwar nicht wirklich schwer, aber doch anspruchsvoll zu lesen, Postman spinnt seine Argumentationen über Seiten und Kapitel hinaus, und man sollte natürlich im Kopf behalten, zu Gunsten welchen Arguments er gerade Popper oder McLuhan zitiert. Apropos, auch diesbezüglich ist es nicht schlecht ein bisschen einschlägig (medienwissenschaftlich) oder auch psychologisch bewandert zu sein, um die Namen, die Postman anführt, zumindest einmal gehört zu haben und idealerweise auch zuordnen zu können.
 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma