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Michael Moore
Volle Deckung Mr. Bush


von Matthias Zeis

Er ist wieder da: Michael Moore, George W. Bushs lautester Gegner und moderner Politik-Robin Hood, hat einen Vertrieb für seine neue Dokumentation „Fahrenheit 9/11“ gefunden.

Die beiden Miramax-Chefs Harvey und Bob Weinstein, deren Firma den Film produziert hat, kauften als Privatpersonen die Rechte an Moores Film vom Mutterkonzern Disney zurück und bringen den Film am 25. Juni in die US-Kinos.

Bei der Preisverleihung der Film-Festspiele in Cannes konnte Moore für „Fahrenheit 9/11“ (im Übrigen eine Anlehnung an Ray Bradburys Romantitel „Fahrenheit 451“) bereits die begehrte „Goldene Palme“ abstauben; die Erfolgsserie scheint sich also fortzusetzen, die ihm letztes Jahr für seine vorhergehende Reportage „Bowling for Columbine“ einen Oscar eingebracht hatte.

In der Tat war er allerdings schon vorher kein Unbekannter mehr: auch der Klassiker „Roger & Me“ aus dem Jahr 1989 stammt von ihm, die Fernsehserien „TV Nation“ und „The Awful Truth“ besitzen Kult-Status (und wurden mit dem Emmy ausgezeichnet).

Als ob das nicht genug wäre, verkaufen sich auch seine Bücher in Millionenhöhe. Sein neuestes Werk: „Volle Deckung Mr. Bush“.

Bereits das Cover zeigt Moores humoristisch-sarkastischen Stil: der englische Originaltitel „Dude, where’s my country?“ ist angelehnt an die Komödie „Dude, where’s my car?“; abgebildet ist Moore, wie er (wir erinnern uns an die TV-Bilder des Falls von Bagdad im 2. Irakkrieg) mit einem Strick die Bush-Statue stürzt. Er will Bush aus dem Amt befördern, und das mit allen Mitteln, wie er unumwunden zugibt.

Der Weg dazu führt über knapp 320 Seiten und 11 abwechslungsreiche Kapitel. Im Vorwort wendet sich Michael Moore an das deutsche Publikum, das sein vorheriges Buch „Stupid White Men“ mit über einer Million verkauften Exemplaren mehr als ein halbes Jahr an der Spitze der Bestsellerliste festgesetzt hat.

Nach einer kurzen Einleitung rund um den 11. September und die Behinderungsversuche, die sich dadurch für die Veröffentlichung des eben angesprochenen „Stupid White Men“ ergaben, macht Moore auch gleich das, was er am Besten kann: er wettert gegen US-Präsident Bush und seinen Regierungsstab, was die Zeitungsarchive nur hergeben.

Im ersten Kapitel stellt Moore Bush II. 7 Fragen; so scheint die Familie Bush schon lange Verbindungen zum Kreis der bin Ladens zu pflegen, und der saudischen Königsfamilie wird eine „besondere Beziehung“ bescheinigt. Tatsächlich scheinen diese eine Sonderbehandlung zu erfahren; schließlich waren sie mit die einzigen, die während des totalen Flugverbots nach dem 11. September quer durch die USA fliegen durften.

Im zweiten Abschnitt tischt uns 54er-Jahrgang Moore Whopper auf; gemeint sind damit aber nicht die Hamburger der großen amerikanischen Fast-Food-Kette, sondern der Slangausdruck, der für soviel wie „faustdicke Lüge“ steht. Das Menü besteht vor allem aus fragwürdigen Aussagen der Regierung im Bezug zum Irak-Krieg, angefangen von den chemischen Waffen über Verbindungen von Saddam Hussein zur Al Kaida und Unmengen an kriegsunterstützenden Partnerstaaten und dem „Doppelwhopper mit Käse und einem Coke: ‚Die amerikanischen Medien berichten die Wahrheit über den Irak!’“. Schwer beeindruckend sind hier die Zahlen der Organisation FAIR („Fairness & Accuracy in Reporting“, http://www.fair.org/): so konnten unter insgesamt 840 Interviewpartnern, die Angehörige der Regierung oder des Militärs sind oder waren, gerade einmal vier eindeutig als Kriegsgegner identifiziert werden. Weiters: „In dem dreiwöchigen Untersuchungszeitraum registrierte FAIR in den von Rather [Amk des Autors: Dan Rather, Moderator von CBS-News] moderierten Abendnachrichten auf CBS nur eine einzige Äußerung gegen den Krieg.“ Diese stammte – ausgerechnet – von Michael Moore, als er bei der Oscarverleihung für „Bowling for Columbine“ seine schon beinahe denkwürdige Rede („Shame on you, Mr. Bush!“) hielt.

Schließlich geht es weiter, Teil 3 der Moore-Saga: er ‚träumt’ von der Zukunft, dem Jahr 2054; verpackt in ein Interview mit seiner Urenkelin Anne Coulter Moore (eine kleine Spitze gegen die konservative Publizistin Ann Coulter) schildert er die (Horror-)Vision von einer Zeit, in der es kein Erdöl mehr gibt und Kunststoff das wertvollste Gut ist.

„Four“, das vierte Kapitel, präsentiert das kleine 1x1 der Terrorabwehr – achtet auf mit Sprengstoff beladene Modellflugzeuge und Schuhbomben! Die Angst vor dem Terror, so Moore, eröffnet Bush die Möglichkeit für Gesetze, die die Freiheit der Amerikaner einschränken wie nie zuvor; der „USA Patriot Act“ (ein unüberschaubarer Text, bestehend aus Modifizierungen von anderen Gesetzen) ermöglicht unter anderem, alle E-Mails und Transaktionen zu kontrollieren. Bei der Verabschiedung des Gesetzes sollen ungeheuerliche Methoden angewendet worden sein: so wurden in der letzten Nacht vor dem Beschluss durch das Justizministerium zahlreiche Einschränkungen entfernt; diese geänderte Version bekam aber vor der Abstimmung kaum mehr jemand im Repräsentantenhaus zu Gesicht.

Einen ganz anderen Vorschlag zur Terrorprävention hätte Moore: bereits im Jahr 1987 unterstützte er den Grünen US-Politiker Ralph Nader bei dem Vorschlag, den Preis für jedes Ticket um 50 Cent(!) zu erhöhen, um so die Finanzierung von sicheren Cockpittüren zu gewährleisten – die Luftfahrtgesellschaften wehrten sich mit allen Mitteln dagegen.

Kapitel 5 setzt fort: „Mikes einfache Schnellanleitung“ zum Stopp des Terrorismus!

Schließlich kommt Gott selbst zu Wort: Moore (bzw. Gott) beichtet, dass ihm bei George W. Bush ein kleine „Missgeschick“ passiert sei; doch auch das könne mal vorkommen.

Nächste Zielscheibe sind die Wirtschaftsbosse: Die wahre Macht, so Moore, besitzen inzwischen längst die Konzerne; die Tellerwäsche-Geschichte um Horatio Alger ließ die Menschen im guten Glauben ihr Geld in Aktien investieren und die teuflischen Firmenbosse verließen während des New Economy-Börsen-Crashes mit vollen Taschen die sinkenden Schiffe. Der Leser erfährt, was es mit der „Tote-Bauern-Versicherung“ auf sich hat, wie viel ein Menschleben wert ist und wie Enron im Schatten des 11. September Schadensbegrenzung bei einem der größten Skandale der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte betrieb.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die vorgenommenen Steuersenkungen, die vor allem für die Reichen eine erhebliche Entlastung bedeuten. Da Mr. Moore dieses Jahr auch zu den absoluten Besserverdienern gehört, bedankt er sich artig in einem Brief bei Bush dafür.

Dass die USA nicht so schlecht sind, wie die Nicht-Amerikaner glauben, wird uns in Kapitel 9 bewiesen; in der Tat handelt es sich um ein liberales, freizügiges und freiheitlich denkendes Land. Unterstützt wird die Aussage durch eine Vielzahl an Statistiken – so wollen 94 Prozent der amerikanischen Öffentlichkeit eine staatliche Regulierung der Herstellung und des Gebrauchs von Handfeuerwaffen. Das einzige Problem: die falschen Leute haben die Macht!

Damit sich das ändert, müssen die Menschen die Demokraten wählen – wie man sie dazu bringt, zeigt uns das vorletzte Kapitel, „Wie man mit seinem konservativen Schwager redet“ – auch konservativ sein sei nicht falsch, man muss nur ihre positiven Seiten erkennen und wissen, wie man mit ihnen umgeht! Dann darf man dem konservativen Schwager sogar Tipps geben, zum Beispiel, wie er seine konservative Firma profitabler führen kann.

Zum Abschluss geht es dann um den ‚nächsten Präsidenten’: da werden Kandidaten wie Operah vorgeschlagen und Tipps gegeben, wie man selbst den Wahlkampf unterstützt.

Anhand dieser ausführlichen Inhaltsbeschreibung weiß der Leser jetzt, was ihn erwartet; die Frage, die sich stellt: lohnt es sich, das Buch zu lesen? Die Antwort: ja!

Von anderen Autoren, die in die gleiche Kerbe schlagen (u.a. Al Franken), sagt man teilweise, dass sie genauer recherchieren; während das wohl auch Ansichtssache ist, versteht es Moore aber auf jeden Fall wesentlich besser, sich im Showgeschäft zu verkaufen und gehört zu werden – was zweifellos das Wichtigste ist, um seine Botschaft zu verbreiten. Einige Punkte mögen nicht bis ins letzte Detail durchdacht sein und statt Enthüllungen Verschwörungstheorien beinhalten (saudi-arabische Kampfpiloten anstatt Terroristen?); und doch findet sich viel Wahres und vor allem Aufrüttelndes in diesem Buch. Kritiker werfen vor, dass Daten & Fakten zurechtgebogen werden; auch das kann sein, und doch sollte man sich nicht die Frage stellen: ist es nicht schlimm genug, wenn auch nur 20% von alldem wahr sind?

Möge sich der Leser doch selbst einen Eindruck verschaffen. Das Buch ist leicht und schnell zu lesen, regt zum Schmunzeln und Nachdenken an; Vorliebe für Sarkasmus und triefende Ironie gepaart mit Ernst wäre von Vorteil.

Wertung: 5/5 Punkten
 

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