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John Crewdson
SCIENCE FICTIONS: A SCIENTIFIC MYSTERY, A MASSIVE COVER-UP, AND THE DARK LEGACY OF ROBERT GALLO


von Carina Lenotti

“Science Fictions” ist eine Sammlung und Erweiterung von John Crewdsons Berichten als Wissenschaftsjournalist der Chicago Tribune über Robert Gallo, der als Wissenschaftler des US National Institute of Health am 23. April 1984 seine Entdeckung dass HIV die Ursache für AIDS ist, verlautbarte.

Crewdson zeigt dass die im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichen Forschungsergebnisse und das erste US Patent für HIV bezogene Technologie falsch sind und französische Wissenschaftler eigentlich den überwiegenden Anteil an der Erforschung von AIDS beigetragen haben. Durch sehr detaillierte Schilderung der Forschungsfortschritte, wissenschaftlicher Konferenzen, Motivationen der Forscher u.ä., das alles mit Kopien von Dokumenten auf einer dazugehörigen Website belegt sind, wirkt seine Argumentation und somit Gallos falsches Spiel erschreckend überzeugend.

Obwohl die Geschichte die Crewdson hier erzählt wegen ihrer Komplexität oft verwirrend ist, ist es bemerkenswert wie Crewdson in strenger chronologischer Abfolge die detaillierte Geschichte der frühen HIV Forschung erzählt.

Vor AIDS versuchte Robert Gallo erfolglos genetische und virale Ursachen für Krebs zu finden. Obwohl Gallo von der US Regierung hoch subventioniert wurde, erwiesen sich seine vermeintlichen Krebs Viren immer wieder als Tier Virus Kontamination.

Am nächsten bei der Erforschung von der viralen Ursache für Krebs kam Gallo mit HTLV-I (Human T-Cell Lymphoma Virus 1), den er in einem Lymphoma Patienten entdeckte. In Zusammenarbeit mit japanischen Forschern stellte sich heraus, dass Antikörper zu HTLV-I häufiger bei Adult T-Cell Leukemia Patienten vorkamen. Crewdson verdächtigt Gallo sogar, dass er selbst den Virus nie isoliert hatte sondern den Virus der Japanischen Forscher für seinen ausgab. Er benannte HTLV –I einfach in Human T-Cell Leukemia Virus 1 um. Ähnliches Verhalten legte er beim Rennen um die Entdeckung des AIDS verursachenden Virus an den Tag.

Gallo entdeckte Spuren von HTLV-I in einer Minderheit von Aids Patienten. Nun stellte sich die Frage warum ein Virus in einigen T-Zellen deren Tod (AIDS) hervorrief, in anderen aber unkontrollierte Reduplikation (Krebs). Es half auch nicht viel HTLV-1 in Human T-Cell Lymphotropic Virus 1 umzubenennen um die meisten seiner Kollegen davon zu überzeugen, dass dies die Ursache für AIDS sei.

Forscher um Luc Montagnier des Pasteur Institut in Paris hatten mehr Erfolg mit LAV (Lymphadenopathy Associated Virus). Sie fanden wesentlich mehr Antikörper in AIDS Patienten als Gallo sie je mit HTLV-I entdeckte und sie waren auf den besten Weg einen Bluttest zu entwickeln, der auch patentiert werden könnte (im Gegensatz zu einem Virus).

Montagnier versuchte oft mit Gallo zusammenzuarbeiten. So schickte er ihm Proben von LAV, doch während Gallos Labor heimlich Kulturen von LAV züchtete (umbenannt in MOV) behauptete er noch Monate danach, dass LAV in seinem Labor nicht kultiviert werden konnte und HTLV-I die Ursache von AIDS sei. Gallo aber erkannte dass Montagnier Recht hatte, aber bevor er dies zugab erklärte er, dass HTLV-III (vorher MOV) AIDS hervorrief, und diese Erkenntnis für ihn keineswegs neu war.

Als Gallo seinen Irrtum feststellen musste nützte er seinen Einfluss aus um die Geschichte umzuschreiben. Dieser Einfluss und das Gewicht des von der US Regierung gegründete Medical Research Institutions halfen ihm als erster zu publizieren und ein US Patent auf den dazugehörigen Bluttest zu beantragen. Montagniers Artikel wurden bei den großen wissenschaftlichen Magazinen zurückgestellt, während ein Editor von Science sogar einen Mitarbeiter Gallos übers Wochenende einlud einen Artikel zu bearbeiten.

Hinzu kam, dass das Rennen bei der Entdeckung der Ursache von AIDS politisch wurde. Das US Patent von Gallo ging in eine wissenschaftliche Schlacht zwischen Frankreich und Amerika über. Trotz der besseren Dokumentation der Untersuchungen der französischen Forscher, die wesentlich ordentlicher Arbeiteten als Gallo und sein Labor, glaubten die Anwälte der amerikanischen Regierung Gallo und gaben keinerlei Eingeständnisse über sein falsches Spiel zu. Zusätzlich wurde Gallo von einem Großteil der Presse und vielen Wissenschaftlern unterstützt. Obwohl die Franzosen einen Prozess sicherlich gewonnen hätten, stimmten sie einer Einigung, die ihnen teilweisen Anspruch auf das Bluttest-Patent gab zu.

Als John Crewdson viele dieser Ereignisse erstmals in der Chicago Tribune veröffentlichte, war Gallo gezwungen einige Eingeständnisse zu machen. So gab er zu, dass sein Labor imstande war LAV zu kultivieren. Außerdem musste er gestehen, dass viele von seinen Daten insofern manipuliert waren, dass es nun nicht mehr möglich war zu sagen von welchem Patienten die positive Probe kam. Des Weiteren musste er zugeben, dass ´sein´ HTLV-III genetisch identisch zu LAV ist, was bedeutet, dass es wahrscheinlich sogar von derselben Person stammte.

Gallos Arbeit wurde formal vom Office of Scientific Integrity überprüft. Tatsächlich wurde zuerst ein Mitarbeiter Gallos, später Gallo selbst des wissenschaftlichen Fehlverhaltens für schuldig befunden. Ein Gerichtsbeschluss jedoch beschloss dass der Nachweis von Betrug nicht ausreiche. Es müsse der unmögliche Beweis der Absicht eines Betrugs erbracht werden. Auch der US Kongress überprüfte Gallo, doch gerade als dieser zu einem Ergebnis kam, das nicht gut für Gallo ausgefallen wäre, gab es einen Machtwechsel im Kongress. Die Nachforschungen wurden verworfen, Gallo wurde nicht bestraft. Er kündigte beim US Public Health Service und begann bei einem neu gegründeten Institut in Baltimore zu arbeiten, wo er zwar weiter an AIDS forschte aber kaum neue Ergebnisse veröffentlichte.

Crewdsons Geschichte zeigt, dass in Wirklichkeit die Schurken nicht immer für ihre Missetaten bestraft werden. Es kommt nicht einmal zu Änderungen in den Institutionen die das Geschehene erst ermöglichten. Es könnte alles noch einmal geschehen, die Bevölkerung hätte wahrscheinlich kaum eine Ahnung davon. Crewdson zeigt auf wie wichtig es für Wissenschaftler ist Einfluss auf Presse und Politik zu haben und wie dieser ausgenutzt werden kann, und in diesem Fall ausgenutzt wurde. Er erzählt nicht nur die Geschichte der AIDS Forschung und der darin involvierten Personen, er zeigt gleichzeitig wie Korruption, Gier und Wettkampf eine entscheidende Rolle in der Wissenschaft einnehmen.

Doch obwohl Crewdson sehr skeptisch und kritisch gegenüber Gallo und dessen Arbeit ist, geht er zu wenig auf die heutigen Probleme und vor allem den Stillstand in der AIDS Forschung ein. Zwanzig Jahre später sind Wissenschaftler in Bezug auf eine Heilmethode noch nicht wesentlich weitergekommen. HIV gibt noch immer jede Menge Rätsel auf. So ist das Enzym Reverse Transkriptase (das Kennzeichen eines Retrovirus wie HIV) auch in uninfizierten Zellen zu finden. Crewdson beschreibt Antikörper als Anzeichen für eine Infektion, obwohl sie erst auftauchen wenn die Infektion abklingt. Er behauptet dass zwischen einer HIV Infektion und dem Ausbruch von AIDS nur einige Monate liegen, während mehrere Krankheitsfälle gezeigt haben, dass es oft bis zu 10 Jahren nach der Infektion dauern kann, bis die Krankheit ausbricht.

Oft ist es schwierig Crewdson zu folgen, obwohl er den Text streng chronologisch aufgebaut hat. Aber durch die Menge der Details die oft erst zwei oder mehr Kapitel später wieder von Bedeutung sind, ist es manchmal schwierig die Zusammenhänge zu erkennen. Die Zeittafel am Anfang des Buchs verschafft zwar einen gewissen Überblick, ist aber manchmal unvollständig.

Crewdson belegt seine Behauptungen sehr genau, was seinem Buch die nötige Transparenz gibt um den Schrecken über das Gelesene noch tiefer fahren zu lassen. Er benützt zwei Arten von Fußnoten. Buchstaben werden im Anhang des Buchs erläutert, was bei deren Menge, trotz der Störung des Leseflusses, sinnvoll ist. Zahlen werden auf seiner Website angeführt (www.sciencefictions.net), die ohne das Buch wenige Informationen preisgibt.

Es ist hilfreich beim Lesen dieses Buchs, wenn man sich vorher etwas mit der Thematik vertraut macht. Denn obwohl Crewdson im Vorwort anführt dass er den Anspruch eines wissenschaftlichen Textes über AIDS nicht erfüllt, sollte man gewisse Grundkenntnisse mitbringen um ihm leichter folgen zu können. Das Glossar ist zwar hilfreich, aber äußerst kurz.

So unglaubwürdig Crewdsons Geschichte stellenweise klingt, so interessant ist es sie zu Lesen. Der Glaube an die wissenschaftliche Integrität wird während des Lesens tief erschüttert und es ist zeitweise unfassbar wie Wissenschaft, Medien und Politik auf höchster Ebene interagieren um das was sie erreichen wollen durchzusetzen. Das Interesse am Thema kann durch Lesen dieses Buches nur gesteigert werden.
 

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